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Bestand Samuel Krauss
Autor:
Markus Stumpf
Markus Stumpf
„Die Zeiten haben sich gewaltig geändert, dennoch glaube ich, dass auch ein Jude, und wenigstens dieser Jude, und wenigstens in einer rein wissenschaftlichen Angelegenheit, sich Ihnen nähern darf.“ Bände der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums“ aus dem Eigentum von Samuel Krauss an der Universitätsbibliothek Wien 1
Die Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums. Organ der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums wurde 1851 vom Rabbiner Zacharias Frankel (1801–1875) in Dresden gegründet. Die Zeitschrift diente als Organ der von ihm begründeten „positiv-historischen Schule“ des Judentums und nahm eine Mittelstellung zwischen der Reformbewegung und der neuorthodoxen Richtung ein. Während in Glaubensfragen ein konservatives Judentum vertreten wurde, kam in Fragen der historischen Forschung ein historisch-kritischer Ansatz zur Anwendung. Die Zeitschrift diente aber auch der „Förderung der Wissenschaft des Judentums“, wie schon aus dem Namen der herausgebenden Gesellschaft ersichtlich ist. 1939 musste das Erscheinen eingestellt werden. 2
Als eine der wesentlichen Zeitschriften zur Judaistik wurde sie auch vom jüdischen Gelehrten Samuel Krauss (1866–1948) gesammelt. Krauss wurde 1866 in Ukk (Ungarn) geboren. Er studierte am Rabbinerseminar und an der Universität in Budapest. Nach weiteren Stationen in Berlin, Gießen (Promotion 1893) und Budapest wurde er 1906 Lehrer für Bibelwissenschaft, Geschichte und Liturgie an der Israelitisch Theologischen Lehranstalt (ITLA) in Wien. Ab 1932 fungierte er dort zunächst als Direktor und ab 1937 als Rektor. 3
Die ITLA war 1893 bis 1938 die Ausbildungsstätte von Rabbinern und jüdischen Religionslehrern in Wien. 4
Krauss’ umfassendes wissenschaftliches Œuvre wird durch seine Bibliographie von 1937 mit über 1.300 Schriften eindrücklich belegt. Neben 34 Büchern und 325 Lemma in Enzyklopädien sind darin 956 Aufsätze und Rezensionen verzeichnet. 5
Und so merkte Oberrabbiner David Feuchtwang (1864–1936) zu Krauss’ 70. Geburtstag zu Recht an, dass dieser „auf fünfundvierzig Jahre wissenschaftlichen Schaffens zurückblicken [kann], das alle Gebiete der zeitlich und räumlich gewaltig ausgedehnten jüdischen Wissenschaft umfasst.“ 6
Mit dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland wurde auch Krauss aufgrund der Nürnberger Rassegesetze als Jude rassisch verfolgt.
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Die Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums. Organ der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums wurde 1851 vom Rabbiner Zacharias Frankel (1801–1875) in Dresden gegründet. Die Zeitschrift diente als Organ der von ihm begründeten „positiv-historischen Schule“ des Judentums und nahm eine Mittelstellung zwischen der Reformbewegung und der neuorthodoxen Richtung ein. Während in Glaubensfragen ein konservatives Judentum vertreten wurde, kam in Fragen der historischen Forschung ein historisch-kritischer Ansatz zur Anwendung. Die Zeitschrift diente aber auch der „Förderung der Wissenschaft des Judentums“, wie schon aus dem Namen der herausgebenden Gesellschaft ersichtlich ist. 1939 musste das Erscheinen eingestellt werden. 2
Als eine der wesentlichen Zeitschriften zur Judaistik wurde sie auch vom jüdischen Gelehrten Samuel Krauss (1866–1948) gesammelt. Krauss wurde 1866 in Ukk (Ungarn) geboren. Er studierte am Rabbinerseminar und an der Universität in Budapest. Nach weiteren Stationen in Berlin, Gießen (Promotion 1893) und Budapest wurde er 1906 Lehrer für Bibelwissenschaft, Geschichte und Liturgie an der Israelitisch Theologischen Lehranstalt (ITLA) in Wien. Ab 1932 fungierte er dort zunächst als Direktor und ab 1937 als Rektor. 3
Die ITLA war 1893 bis 1938 die Ausbildungsstätte von Rabbinern und jüdischen Religionslehrern in Wien. 4
Krauss’ umfassendes wissenschaftliches Œuvre wird durch seine Bibliographie von 1937 mit über 1.300 Schriften eindrücklich belegt. Neben 34 Büchern und 325 Lemma in Enzyklopädien sind darin 956 Aufsätze und Rezensionen verzeichnet. 5
Und so merkte Oberrabbiner David Feuchtwang (1864–1936) zu Krauss’ 70. Geburtstag zu Recht an, dass dieser „auf fünfundvierzig Jahre wissenschaftlichen Schaffens zurückblicken [kann], das alle Gebiete der zeitlich und räumlich gewaltig ausgedehnten jüdischen Wissenschaft umfasst.“ 6
Mit dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland wurde auch Krauss aufgrund der Nürnberger Rassegesetze als Jude rassisch verfolgt.
1 Der Beitrag beruht in überarbeiteter und ergänzter Form auf einem Kapitel des Aufsatzes von Christina Köstner-Pemsel, Markus Stumpf: „Machen Sie es ordentlich, damit man nachher, wenn wir die Bücher ihren Besitzern zurückgeben, nicht sagt, es hätten Schweine in der Hand gehabt.“ Die Orientalistik – Ergebnisse der Provenienzforschung an der Universitätsbibliothek Wien. In: Mitteilungen der VÖB 65 (2012) Nr. 1, S. 39–78. URL: http://eprints.rclis.org/17180/.
2 Vgl. Andreas Brämer: Die Anfangsjahre der „Monatsschrift für die Geschichte und Wissenschaft des Judentums“ (1851–1868). Kritische Forschung und jüdische Tradition im Zeitalter der Emanzipation. In: Michael Nagel (Hg.): Zwischen Selbstbehauptung und Verfolgung: deutsch-jüdische Zeitungen und Zeitschriften von der Aufklärung bis zum Nationalsozialismus. Hildesheim-Zürich-New York: Georg Olms Verlag 2002 (= HASKALA Wissenschaftliche Abhandlungen 25), S. 139–159.
3 Vgl. Susanne Blumesberger, Michael Doppelhofer, Gabriele Mauthe: Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft: 18. bis 20. Jahrhundert. Berlin-Boston: De Gruyter Saur 2011, Bd. 2, S. 744; Österreichisches Biographisches Lexikon (ÖBL) 1815–1950, Bd. 4 (Lfg. 18, 1968), S. 234. URL: http://biographien.ac.at/oebl/oebl_K/Krauss_Samuel_1866_1948.xml (16.03.2022).
4 Zur Geschichte der ITLA siehe Peter Landesmann: Die Geschichte der Ausbildung von Rabbinern in Wien bis zur Gründung der Israelitisch-Theologischen Lehranstalt (ITLA). In: Frank Stern, Barbara Eichinger (Hg.): Wien und die jüdische Erfahrung 1900–1938. Akkulturation – Antisemitismus – Zionismus. Wien-Köln-Weimar: Böhlau 2009, S. 143–153, hier S. 151–153. Vgl. ebenfalls dazu die Website des Archivs der IKG Wien, URL: http://www.archiv-ikg-wien.at/archives/institutionen/?tab=1716&topic=1971 (16.03.2022).
5 Vgl. Eli Strauss: Bibliographie der Schriften Prof. Dr. Samuel Krauss’ 1887–1937. Herausgegeben vom Festkomitee zur Feier seines 70. Geburtstages. Wien 1937.
6 David Feuchtwang: Geleitwort. In: Eli Strauss: Bibliographie der Schriften Prof. Dr. Samuel Krauss’ 1887–1937. Herausgegeben vom Festkomitee zur Feier seines 70. Geburtstages. Wien 1937, S. 1.
2 Vgl. Andreas Brämer: Die Anfangsjahre der „Monatsschrift für die Geschichte und Wissenschaft des Judentums“ (1851–1868). Kritische Forschung und jüdische Tradition im Zeitalter der Emanzipation. In: Michael Nagel (Hg.): Zwischen Selbstbehauptung und Verfolgung: deutsch-jüdische Zeitungen und Zeitschriften von der Aufklärung bis zum Nationalsozialismus. Hildesheim-Zürich-New York: Georg Olms Verlag 2002 (= HASKALA Wissenschaftliche Abhandlungen 25), S. 139–159.
3 Vgl. Susanne Blumesberger, Michael Doppelhofer, Gabriele Mauthe: Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft: 18. bis 20. Jahrhundert. Berlin-Boston: De Gruyter Saur 2011, Bd. 2, S. 744; Österreichisches Biographisches Lexikon (ÖBL) 1815–1950, Bd. 4 (Lfg. 18, 1968), S. 234. URL: http://biographien.ac.at/oebl/oebl_K/Krauss_Samuel_1866_1948.xml (16.03.2022).
4 Zur Geschichte der ITLA siehe Peter Landesmann: Die Geschichte der Ausbildung von Rabbinern in Wien bis zur Gründung der Israelitisch-Theologischen Lehranstalt (ITLA). In: Frank Stern, Barbara Eichinger (Hg.): Wien und die jüdische Erfahrung 1900–1938. Akkulturation – Antisemitismus – Zionismus. Wien-Köln-Weimar: Böhlau 2009, S. 143–153, hier S. 151–153. Vgl. ebenfalls dazu die Website des Archivs der IKG Wien, URL: http://www.archiv-ikg-wien.at/archives/institutionen/?tab=1716&topic=1971 (16.03.2022).
5 Vgl. Eli Strauss: Bibliographie der Schriften Prof. Dr. Samuel Krauss’ 1887–1937. Herausgegeben vom Festkomitee zur Feier seines 70. Geburtstages. Wien 1937.
6 David Feuchtwang: Geleitwort. In: Eli Strauss: Bibliographie der Schriften Prof. Dr. Samuel Krauss’ 1887–1937. Herausgegeben vom Festkomitee zur Feier seines 70. Geburtstages. Wien 1937, S. 1.
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Rektor Prof. Dr. Samuel Krauss, Ausschnitt eines Fotos vor der ITLA, 1934/35 © Prof. Norbert N. Kristianpoller


