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Bestand Samuel Krauss

Autor:
Markus Stumpf
Nationalsozialistischer Bibliotheksraub

Obwohl Krauss schon ein Angebot aus der Universität Cambridge hatte, emigrierte er wegen der schweren Krankheit seiner Gattin Josefa Irene (geb. Tedesco, 1872–1938) erst nach deren Tod im September 1938 zu seiner Tochter Maria Heimberg (1899–1958) nach Hamburg, wo er seine Ausreise nach Großbritannien vorbereitete. Krauss konnte dabei seine umfangreiche Bibliothek, die mit über 3.000 Bänden angegeben wird, 7 nicht mitnehmen und hinterließ sie in seiner verschlossenen Wohnung in Wien.
Krauss hatte in der Ferdinandstraße 23 im 2. Wiener Gemeindebezirk gewohnt, wie auch der Oberrabbiner Israel Taglicht (1863–1943), und dort befand sich auch die große Bibliothek der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) mit mehr als 33.000 Bänden. Im gegenüberliegenden Trakt des Gebäudes befand sich in der Tempelgasse der große Leopoldstädter Tempel und auch die umfangreiche Bibliothek der ITLA mit etwa 23.000 Bänden.
Während die Bibliothek der IKG bereits seit März 1938 geschlossen und im Juli zwangsweise durch Adolf Eichmann (1906–1962), den Leiter der Zentralstelle für die jüdische Auswanderung aus Wien, für das NS-Regime in Besitz genommen worden war, wurde die ITLA-Bibliothek im März/April 1938 von der Gestapo mitgenommen. Während bei den Novemberpogromen 1938 der Leopoldstädter Tempel niedergebrannt und die Bibliothek der IKG durch die Gestapo versiegelt wurde, 8 wurden die Wohnungen von Rektor Krauss und Oberrabbiner Taglicht von SS, SA und Gestapo geplündert und die Privatbibliotheken abtransportiert. Edith Morgenstern (1896–1976), eine Tochter von Samuel Krauss, berichtete später darüber:
„Ich war anwesend und Augenzeugin bei diesem Raub und [es] waren zwei offene Lastwagen und mindestens 4-6 Männer in Nazi Uniform damit beschäftigt alle diese Bücher von den Bibliotheken herunterzubringen und aufzuladen […] Ich habe sowohl die beraubte Wohnung meines Vaters als auch die Wohnung des Oberrabbiners Dr. Taglicht gesehen und [es] war alles in großer Unordnung und die Möbelstücke zerbrochen. Von der Bibliothek meines Vaters […] war nichts mehr vorhanden.“ 9

In Sorge um seine Bibliothek, für deren Aufstellung vor Ort er bereits eine Zusage der Universität Cambridge (UK) hatte, in der er gegen „schwaches Entgelt“ als „Berater von Gelehrten und Studierenden des orientalischen Faches“ walten sollte, meldete sich Samuel Krauss Ende November 1938 schriftlich aus Hamburg bei Viktor Christian (1885–1963), dem neuen kommissarischen Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Wien, mit dem er seit vielen Jahren wissenschaftlichen Kontakt hatte.


 
Beginn des Briefes von Samuel Krauss an Viktor Christian © Universitätsbibliothek Wien

Viktor Christian hatte 1922 an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien im Fach „Semitisch mit besonderer Berücksichtigung der Keilinschriften“ habilitiert und wurde 1924 zum außerordentlichen Professor, sechs Jahre später zum ordentlichen Professor für altsemitische Philologie und orientalische Archäologie ernannt. Er gehörte der „Bärenhöhle“ 10, einem antisemitischen Professorennetzwerk, an, welches die Berufung und Habilitation jüdischer und/oder politisch links stehender Wissenschafter:innen an der Universität Wien zu verhindern suchte. Dementsprechend meldete sich Christian bereits 1933 bei der NSDAP als Mitglied an. Nachdem er 1934 wegen seiner nationalsozialistischen Betätigung entlassen worden war, konnte er – wohl infolge des Juliabkommens rehabilitiert – ab 1936 wieder als Professor tätig sein. Im Mai 1938 beantragte er erneut die Aufnahme in die NSDAP und ab November war er außerdem Mitglied der SS und schließlich ab 1943 SS-Sturmbannführer.
Mit dem „Anschluss“ wurde Christian zum „wissenschaftspolitischen Multifunktionär“ – insbesondere als Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Wien bis 1943 und als Präsident der Anthropologischen Gesellschaft in Wien (AGW) bis 1945 sowie von April 1938 bis Jänner 1940 als geschäftsführender Vorstand des Instituts für Völkerkunde der Universität Wien und Abteilungsleiter im „Ahnenerbe“ der SS und durch Aufnahme in die Akademie der Wissenschaften in Wien 1938. Nach seinem Ausscheiden als Dekan amtierte er 1943 bis Anfang 1945 als Prorektor und im Frühjahr 1945 wenige Tage hindurch noch als der letzte Rektor der NS-Zeit an der Universität Wien. 11 An diese Person also wandte sich Samuel Krauss um Unterstützung im Ringen um seine Bibliothek.

„Gleich nach dem Umbruche wurde die wertvolle Bibliothek der genannten Anstalt [Anm.: der ITLA] geräumt, diese selbst geschlossen und aufgelöst. So schmerzvoll mir auch das war – ich persönlich wurde davon nicht getroffen. Da kamen die für die Juden schrecklichen Novembertage. Ich glaube es war am 12. Nov., dass im Hause II Ferdinandstr. 23, das der Kultusgemeinde gehört, zunächst die grosse Gemeindebibliothek [Anm.: Tatsächlich wurde die Bibliothek der IKG während der Pogromtage versiegelt und je nach Quelle erst 1939 bzw. 1941 nach Berlin verschleppt.], dann auch die Bücherei des Oberrabbiners im selben Hause, und schließlich auch die meine geräumt wurde. Dasselbe geschah mit zwei Bibliotheken auf der anderen Seite des Tempelgebäudes. Ich nehme an, dass im Zuge der Handlung gar nicht darauf geachtet wurde, dass meine Bücherei mein Privateigentum sei, und war es die räumliche Nähe, die deren Räumung verursacht hat. In dieser Sache nun, Herr Professor, wende ich mich ergebenst und vertrauensvoll an Sie und erbitte Ihre Intervention.
Was der Verlust einer seit 50 Jahren gehegten und gepflegten Fachbibliothek bedeutet, brauche ich Ihnen, dem Gelehrten und Forsch[e]r, nicht zu sagen. Dazu kommt noch, dass eine Masse gelehrten Stoffs, teils in die eigenen Werke und Artikel eingetragen, teils in Form von angefangenen handschriftlichen Werken und Artikeln und eine ungeheure Briefschaft wohl mitgenommen wurden, Dinge, die ausser mir niemand einzuschätzen weiss und wohl der Vernichtung anheimfallen werden.
Ohne unbescheiden sein zu wollen, glaube ich behaupten zu können, dass damit auch der allgemeinen Wissenschaft, und namentlich dem orientalischen Fache, das Sie selber so vorzüglich vertreten, Gefahr droht. Eben darum wage ich es, an ihre Hilfe zu appellieren; was Sie tun, tun Sie nicht mir und nicht den Juden, sondern der Wissenschaft im allgemeinen.“ 12

Obwohl seine Bibliothek an der Universität Cambridge aufgestellt werden sollte und diese angeblich bereits gegen die Vernichtung oder Beschlagnahme protestiert hatte, führte Krauss weiter aus:
„Ich habe schliesslich nichts dagegen, wenn meine Bücherei dem deutschen Reich verbleibt, aber ich hätte daran folgende Bedingungen zu knüpfen bzw. um folgendes zu bitten: Erstens[,] dass meine Bücherei nicht vernichtet, sondern an geeigneter Stelle aufbewahrt wird, und zwar in Gänze und ungeteilt; zweitens, dass mir diejenigen Stücke, die handschriftliche Notizen enthalten, bzw. als Werke oder Artikel vorbereitete Handschriften zurückgegeben werden; drittens[,] dass das Eigentum meines Sohnes, das sich leicht sondern lässt, ihm ausgefolgt wird.
Herr Professor, ich muss mich nochmals entschuldigen, dass ich Sie mit dieser Sache befassen will. Ich denke mir Ihr Einschreiten so, dass Sie als orientalischer Gelehrter an geeigneter Stelle vorsprechen und darauf aufmerksam machen, dass hier Werte verlorengehen, die unersetzbar sind […] Ich gehe dabei davon aus, dass Sie bei diesen Schritte nichts riskieren, vielmehr innige Befriedigung haben werden daran, dass Sie ein grosses Unglück und ein grosses Unrecht verhüten und aufhalten. 13

Nur drei Tage später antwortete Christian schriftlich Krauss und versprach, dass er versuchen werde „zu ermitteln, welche Stelle die Beschlagnahme Ihrer Bücher durchführte, um Ihren Wunsch vorzubringen.“ 14
Noch einmal meldete sich Krauss aus Hamburg Mitte Dezember bei Christian und fragte nach dem Stand der Dinge. 15 Eine Antwort Christians an Krauss ist nicht überliefert, jedoch passten dem Leiter der Lehr- und Forschungsstelle für den vorderen Orient des SS-Ahnenerbes die Bücher von Krauss perfekt für seine Forschungstätigkeiten und so ersuchte er Ende Jänner 1939 SS-Sturmbahnführer Dr. Fritz Polte um Informationen über den Verbleib der Krauss’schen Bibliothek. Selektiv Krauss paraphrasierend und unter Verdrehung der Bedingungen führte er aus: „S. Krauss hat sich damit abgefunden, dass seine Bibliothek im Deutschen Reich verbleibt, hat aber den begreiflichen Wunsch, dass sie ungeteilt an geeigneter Stelle untergebracht wird.“ 16 Natürlich sah dabei Christian das von ihm geleitete Orientalische Institut der Universität Wien als diese „geeignete Stelle“, zumal er einen „bewährten arischen Talmud-Forscher nach Wien zu bekommen“ hoffte, und er schloss sein Schreiben mit der Frage, an wen er sich mit seiner „Bitte wegen Zuweisung zu wenden hätte.“ 17 „Zufällig“ hatte Christian bereits die richtige Person gefunden, denn Polte antwortete Christian im Februar 1939, dass „[…] wir bereits bemüht sind, die Bibliothek des Juden Samuel Kraus[s], die ohne unsere Schuld infolge der damals sehr rasch vorgenommenen Maßnahmen etwas durcheinander gebracht wurde, wieder zu ordnen und zu einem geschlossenen Ganzen zusammenzufassen. […] Über die zukünftige Verwendung der Bibliothek kann ich Ihnen im Augenblick noch keinerlei Mitteilung machen, ich werde aber auf alle Fälle versuchen, dafür zu sorgen, dass Ihr Institut beim Anfall jüdischen Materials mit berücksichtigt wird.“ 18

Im August 1939 wurde Christian unterrichtet, dass die „hier eingelagerten Bücher jüdisch-geschichtlichen und jüdisch-theologischen Inhalts leihweise“ dem Orientalischen Institut zur Verfügung gestellt werden und von der Dienststelle im 1. Wiener Bezirk in der Spiegelgasse 21 jederzeit abgeholt werden könnten. 19 Schließlich stellte Viktor Christian eine Ermächtigung für den Bibliothekar und Assistenten Dr. Karl Ammer (1911–1970) aus, um für das Orientalische Institut der Universität Wien die zur Verfügung gestellten Bücher des Samuel Krauss in Empfang zu nehmen. 20 In der erhalten gebliebenen Übernahmeliste 21 werden insgesamt 226 Bände 22 angeführt, die schließlich als „Leihgabe B“ des SS-Ahnenerbes vom Orientalischen Institut übernommen wurden. Der Großteil der Krauss-Bibliothek dürfte jedoch, wie auch der Großteil der IKG-Bibliothek, nach Berlin abtransportiert worden sein, wo sich ihre Spur verliert, bzw. könnte sie auch beim Brand des Reichssicherheitshauptamt-Gebäudes am 22. und 23. November 1943 vernichtet worden sein.

Etikett mit Stempel der Leihgabe „B“ © Universitätsbibliothek Wien
 
7 Evelyn Adunka: Der Raub der Bücher. Wien: Czernin 2002 (= Bibliothek des Raubes 9), S. 226

8 Vgl. Ingo Zechner: Die Bibliothek der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. In: Murray G. Hall, Christina Köstner, Margot Werner (Hg.): Geraubte Bücher. Die Österreichische Nationalbibliothek stellt sich ihrer NS-Vergangenheit. Wien: ÖNB 2004, S. 82–103.

9 Wiedergutmachungsämter von Berlin, Rückerstattungssache Samuel Krauss, 54 WGA 5383/57, 08.11.1960, zitiert nach Evelyn Adunka: Der Raub der Bücher. Wien: Czernin 2002 (= Bibliothek des Raubes 9), S. 225–226.

10 Vgl. Klaus Taschwer: Hochburg des Antisemitismus. Der Niedergang der Universität Wien im 20. Jahrhundert. Wien: Czernin 2015.

11 Vgl. Markus Stumpf: Viktor Christian. In: Lexikon der österreichischen Provenienzforschung. URL: https://www.lexikon-provenienzforschung.org/christian-viktor (abgerufen am 14.03.2022); ausführlich vgl. Andre Gingrich: Viktor Christian und die Völkerkunde in Wien 1938–1945: Universität, Anthropologische Gesellschaft und Akademie der Wissenschaften (S. 373–423) und Andre Gingrich: Völkerkundliche Geheim-Expertise und Lagerforschung: Die Wiener „Lehr- und Forschungsstätte für den Vorderen Orient“ im SS-„Ahnenerbe“ (S. 1217–1301). In: Andre Gingrich, Peter Rohrbacher (Hg.): Völkerkunde zur NS-Zeit aus Wien (1938–1945). Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 2021, 3 Bde. (= Philosophisch-Historische Klasse Sitzungsberichte 913; Veröffentlichungen zur Sozialanthropologie 27). Zur Institutionalisierung antijüdischer Forschung rund um Viktor Christian siehe Dirk Rupnow: Judenforschung im Dritten Reich. Wissenschaft zwischen Politik, Propaganda und Ideologie. Baden-Baden: Nomos 2011, v. a. S. 316–356.

12 Archiv der Universität Wien (AT-UAW)/Institut für Orientalistik, 1930–1970 (Bestand), Schachtel 60, Mappe Ahnenerbe, Schreiben Samuel Krauss an Viktor Christian, 25.11.1938.

13 Ebd.

14] AT-UAW/Institut für Orientalistik, 1930–1970 (Bestand), Schachtel 60, Mappe Ahnenerbe, Schreiben Viktor Christian an Samuel Krauss, 28.11.1938.

15 AT-UAW/Institut für Orientalistik, 1930–1970 (Bestand), Schachtel 60, Mappe Ahnenerbe, Schreiben Samuel Krauss an Viktor Christian, 12.12.1938.

16 AT-UAW/Institut für Orientalistik, 1930–1970 (Bestand), Schachtel 60, Mappe Ahnenerbe, Schreiben Viktor Christian an Dr. F. [Fritz] Polte, SS-Hauptsturmführer, 26.01.1939.

17 Ebd.

18 AT-UAW/Institut für Orientalistik, 1930–1970 (Bestand), Schachtel 60, Mappe Ahnenerbe, Schreiben Fritz Polte, SS-Sturmbannführer, an Viktor Christian, 28.02.1939.

19 AT-UAW/Institut für Orientalistik, 1930–1970 (Bestand), Schachtel 60, Mappe Ahnenerbe, Schreiben Sicherheitsdienst des Reichsführers-SS, SD-Unterabschnitt Wien, an Viktor Christian, 09.08.1939.

20 AT-UAW/Institut für Orientalistik, 1930–1970 (Bestand), Schachtel 60, Mappe Ahnenerbe, Schreiben Dekan Viktor Christian an den Sicherheitsdienst des Reichsführers SS, SD – Unterabschnitt Wien, 16.08.1939.

21 AT-UAW/Institut für Orientalistik, 1930–1970 (Bestand), Schachtel 60, Mappe Ahnenerbe, [Titelliste].

22 Das genaue Datum der Übernahme ist nicht bekannt. Bei Einbeziehung der handschriftlichen Angaben in die Zählung erhöht sich die Anzahl auf insgesamt 229 Bände, wobei die Zeitpunkte der handschriftlichen Überprüfungsmarkierungen auf der Liste unbekannt sind.


 

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