Österreichisches Museum
für Volkskunde

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Gemälde und Kunsthandwerk |
Bestand Siegfried Fuchs

Autorinnen:
Kathrin Pallestrang,
Magdalena Puchberger,
Claudia Spring
Netzwerkebenen – Sammlung Fuchs

Die Restitution der Sammlung von Siegfried Fuchs hat für uns im Volkskundemuseum Wien eine besondere Bedeutung. Nicht nur dass das Dossier dazu das erste war und sich die Provenienzforschung am Volkskundemuseum damit etablierte. Mit dem Dossier Fuchs eröffnet sich auch ein dicht verwobenes Netz aus Personen, Dingen, Orten, Institutionen und Zeiten. Im Sinne eines relationalen Museums, das unterschiedliche Beziehungen und Verhältnisse in den Blick nimmt, herstellt oder hinterfragt, geht es im Folgenden um die Tatsache, dass nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland im März 1938 neue Sinnzusammenhänge und Rahmungen in der Museumsarbeit entstanden sind, die es davor so nicht gegeben hat.

Dinge und Menschen

1938 und 1940 kamen insgesamt 17 Objekte von Siegfried Fuchs in die Sammlungen des Volkskundemuseum Wien (damals Museum für Volkskunde). Über diese Objekte werden Beziehungen hergestellt, in der Vergangenheit ebenso wie in der Gegenwart. Kennzeichnend für die Dinge der „Sammlung“ Fuchs, die womöglich erstmals in Zusammenhang mit der NS-Vermögensanmeldung zusammenfassend als solche bezeichnet wurde, ist, dass es sich um „kleine Dinge“ handelt. Die Dinge hatten einen ideellen oder persönlichen Wert oder dienten der Erinnerung, waren aber monetär von geringerer Bedeutung. Teilweise hatten sie Siegfried Fuchs über 40 Jahre seines Lebens begleitet. In der Vermögensanmeldung gab er an, dass kein Stück einen größeren Wert als 50 Reichsmark habe, und auch die 1939 wegen gesonderter Lagerräume zur Sicherung der Sammlung angefragte Denkmalbehörde bescheinigte dafür, anders als bei zahlreichen anderen Sammlungen, keine Notwendigkeit wegen der „vergleichsweise geringen Bedeutung der Sammlung“. Hier öffnet sich der Konnex zu den Dingen und Sammlungen des Volkskundemuseum Wien, das sich von Beginn an den „kleinen Dingen“ widmet, Dingen also, die aufgrund ihrer ideengeschichtlichen oder persönlich-emotionalen Aufladung von Wert sind. Der damalige Direktor Arthur Haberlandt wählte Dinge für die Museumssammlungen aus und gab ihnen damit nicht nur eine neue Funktion, sondern auch einen neuen Wert. Der Vorgang enthob sie des persönlichen Erinnerungswerts und verlieh ihnen einen musealen und national-identitätspolitischen Wert.

Orte und Stellen

Die neuen Gesetze sowie Verordnungen der Verwaltungs- und Organisationsstrukturen des NS-Regimes nach dem „Anschluss“ im März 1938 (wie die „Fünfte Verordnung zum Reichsbürgergesetz“, die das Berufsverbot für jüdische Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte bedeutete, oder die „Reichsfluchtsteuer“) erzwangen Verkäufe, wodurch die Dinge und die mit ihnen verbundenen Handlungen neue Orte einnahmen. Zum einen jene Stellen, an denen die Rechtslage der Dinge verhandelt und ihr Verbleib behördlich behandelt wurde, so etwa das Dorotheum als wichtiges Auktionshaus und Pfandleihstelle, weiters die Vermögensverkehrsstelle, bei der Jüdinnen und Juden ihr Vermögen melden mussten, oder die Zentralstelle für jüdische Auswanderung. Zum anderen sind es Institutionen, denen Siegfried Fuchs Objekte aus seiner Sammlung anbieten musste und wo diese letztlich ankamen und verblieben. Damit verbindet die „Sammlung Fuchs“ heute, über die Forschungen und Publikationen der Provenienzforschung erst sichtbar gemacht, exemplarisch jene Institutionen, die dem Kunstrückgabegesetz unterliegen (MAK, KHM, HGM, ÖNB), mit jenen, für die die Wiener Landesgesetzgebung gilt (Wiener Stadt- und Landesbibliothek, Wien Museum), und jenen, die ohne gesetzliche Verpflichtung ihren Stellenwert als Knotenpunkt im Netzwerk offenlegen (Volkskundemuseum Wien). Nicht unerwähnt soll an dieser Stelle sein, dass einige wenige Dinge im Besitz von Siegfried Fuchs verblieben und von ihm 1940 nach Shanghai ins Exil mitgenommen wurden.

Zeiten und Dynamiken

Zwischen der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Österreich im März 1938 und der Ausreise Siegfried Fuchs’ nach Shanghai im Dezember 1940 lagen extreme Zeiten und Entwicklungen, die sich (auch) an den Objekten und in den Quellen des Volkskundemuseum Wien ablesen lassen. Mehrmals musste Siegfried Fuchs dringend Objekte verkaufen: so etwa 1938, um seinen Lebensunterhalt nach dem Berufsverbot zu bestreiten, die „Judenvermögensabgabe“ (20 Prozent des Vermögens) zu entrichten und die vorgeschriebene „Reichsfluchtsteuer“ zu bezahlen. Oder 1940, als das Geld aus den bisherigen Verkäufen nicht mehr ausreichte, um die vom „Shanghai Municipal Council“ des „International Settlements“ für eine Aufenthaltsbewilligung geforderten 400 US-Dollar aufbringen zu können.
Anhand der Objekte, die Siegfried Fuchs dem Volkskundemuseum Wien verkaufen musste, wird das perfide System der NS-Beraubung deutlich. Siegfried Fuchs musste zu einem Zeitpunkt dem Volkskundemuseum Wien Dinge verkaufen, zu dem sie nicht mehr viel Geld einbrachten, eben weil der Verkauf unter Zwang zustande kam und weil der Kunst- und Antiquitätenmarkt, somit auch der Volkskunstmarkt, aus demselben Grund mit Dingen überschwemmt war. Im Gegensatz dazu profitierten von diesem Umstand diejenigen – öffentlichen wie privaten – Museen und Sammlungen, die nicht von der NS-Verfolgung betroffen waren. In der Wiener Zeitschrift für Volkskunde, die vom Verein für Volkskunde in Wien herausgegeben wurde, bezeichnet Museumdirektor und Vereinsvorsitzender Arthur Haberlandt im Jahresbericht das Jahr 1938 „als das Jahr der Schicksalserfüllung des deutschen Volkes“, das „unvergänglich in der Geschichte fortleben wird“. Für das Volkskundemuseum in Wien sah er nicht nur dessen „Rang als Kulturinstitut für heimatliche und vergleichende Volkskunde“ bestätigt und eine Erweiterung der „Geltung und Wirksamkeit als Haus des deutschen Volkstums im Südosten“ dräuen, sondern stellte bereits zu diesem Zeitpunkt eine „entscheidende Belebung der Museumstätigkeit auf allen Gebieten“ fest. „Das Museum vermochte seit September ohneweiters Werke der Volkskunst und anderes im öffentlichen Interesse erwünschte Sammelgut käuflich zu erwerben“. Für 1939 vermeldete Haberlandt eine „bemerkenswert ansehnliche“ Vermehrung in den Sammlungen des Museums, wofür rund 4.400 Reichsmark aufgewendet worden waren. Während sich also Siegfried Fuchs’ „Sammlung“ als seine entscheidende (Über)Lebensgrundlage darstellte und er gleichzeitig deutliche Wertminderungen hinnehmen musste, konnte Arthur Haberlandt im Sinne und im Namen der Institution Volkskundemuseum eine Steigerung der Ankäufe verzeichnen, aus Zwangsverkäufen günstig Objekte erwerben und sogar noch Forderungen an Siegfried Fuchs stellen.

 

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